Praxiswissen
Der Mann am Fenster
Von Patric P. Kutscher
Abschnitte dieses Artikels
Zwischen den Worten
Welche Welt entsteht eigentlich im Kopf meines Gegenübers, wenn ich spreche?
Zwei Männer lagen im selben Krankenhauszimmer.
Der eine am Fenster. Der andere an der Tür.
Der Mann an der Tür konnte sein Bett kaum verlassen. Also erzählte ihm der Mann am Fenster jeden Nachmittag, was draußen geschah.
Von den Kindern, die am Teich Enten fütterten.
Von einem älteren Paar, das Arm in Arm spazieren ging.
Von einem jungen Mann, der seiner Freundin offenbar einen Heiratsantrag machte.
Jeden Tag für eine Stunde öffnete sich für den Mann an der Tür eine Welt, die er selbst nicht sehen konnte.
Als aus Dankbarkeit Neid wurde
Doch irgendwann geschah etwas mit ihm.
Aus Dankbarkeit wurde Neid.
Warum durfte der andere am Fenster liegen? Warum durfte er all das sehen, während ihm nur die Wand gegenüber blieb?
Eines Nachts hörte er den Mann am Fenster schwer atmen. Dann wurde es still. Am nächsten Morgen war er tot.
Einige Tage später bat der Mann an der Tür darum, dessen Bett am Fenster bekommen zu dürfen. Die Schwester erfüllte ihm den Wunsch.
Mit großer Mühe richtete er sich auf. Endlich würde er selbst sehen, wovon ihm sein Zimmernachbar so lange erzählt hatte.
Er blickte hinaus. Und sah: eine graue Mauer.
Keine Bäume. Keinen Teich. Keine Kinder. Keine Liebenden. Nur eine Mauer.
Verwirrt fragte er die Schwester nach den Geschichten seines verstorbenen Zimmernachbarn.
Sie antwortete:
„Er war blind.“
Was diese Geschichte über Sprache sagt
Dieser Mann hatte nie beschrieben, was er sah. Er hatte mit Worten eine Welt erschaffen, die einem anderen Menschen Hoffnung gab.
Wir sprechen oft davon, dass Kommunikation Wirklichkeit abbilden soll. Das stimmt.
Aber Sprache kann noch etwas anderes:
Sie kann Bilder entstehen lassen. Perspektiven verändern. Mut geben. Horizonte öffnen, wo eigentlich nur Mauern sind.
Vielleicht ist das eine der größten Verantwortungen, die wir tragen, wenn wir sprechen: Unsere Worte entscheiden mit darüber, welche Welt ein anderer Mensch vor sich sieht.
Führung ist Kommunikation unter erschwerten Bedingungen. Und manchmal beginnt gute Kommunikation mit einer einfachen Frage:
Welche Welt entsteht eigentlich im Kopf meines Gegenübers, wenn ich spreche?
Die Geschichte der beiden Männer im Krankenhauszimmer wird in unterschiedlichen Fassungen erzählt und ist eine Parabel, kein dokumentierter Fall.
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