Praxiswissen
Nicht die Rolex war das Problem: Warum wir auf Geschichten reagieren, nicht auf Fakten
Von Patric P. Kutscher
Zwischen den Worten
Ein Verkäufer verliert einen langjährigen Kunden.
Jahrelang war die Zusammenarbeit erfolgreich. Die Qualität stimmte, der Service ebenso. Der Preis wurde nie infrage gestellt.
Dann fällt bei einem Termin dem neuen Einkaufsleiter die Rolex am Handgelenk des Verkäufers auf.
Kurze Zeit später heißt es plötzlich: „Sie sind uns zu teuer."
War die Uhr der Auslöser?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht.
Denn Kommunikation beginnt selten bei den Fakten. Sie beginnt bei der Bedeutung, die wir ihnen geben.
Dieselbe Uhr, eine andere Geschichte
Nehmen wir einmal an, die Rolex wäre ein Erbstück des Vaters gewesen. Ein Erinnerungsstück, das der Verkäufer jeden Tag aus Dankbarkeit trägt. Hätte der Kunde diese Geschichte gekannt, hätte dieselbe Uhr vermutlich etwas völlig anderes symbolisiert: Verbundenheit, Wertschätzung und Erinnerung.
Die Uhr hätte sich nicht verändert.
Nur ihre Bedeutung.
Genau darin liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse erfolgreicher Kommunikation.
Menschen reagieren auf ihre Interpretation der Wirklichkeit
Menschen reagieren selten auf die Wirklichkeit. Sie reagieren auf ihre Interpretation der Wirklichkeit.
Wir alle verleihen Dingen eine Bedeutung. Einer Uhr. Einem Dienstwagen. Einem Titel. Der Kleidung. Einem Büro. Manchmal sogar einem einzigen Wort.
Diese Bedeutungen entstehen aus unseren Erfahrungen, Überzeugungen und Erlebnissen. Sie sind selten objektiv. Und doch bestimmen sie unser Verhalten.
Die Frage hinter dem Zuhören
Deshalb reicht es in Gesprächen nicht aus, aufmerksam zuzuhören. Wer wirklich verstehen möchte, sollte sich fragen:
Welche Geschichte erzählt sich mein Gegenüber gerade?
Denn hinter einem Einwand steckt oft keine Tatsache, sondern eine Interpretation.
Hinter einem Vorurteil häufig eine Erfahrung.
Und hinter einem Konflikt nicht selten zwei unterschiedliche Geschichten über dieselbe Realität.
Wer diese Geschichten erkennt, kommuniziert nicht nur erfolgreicher. Er entwickelt Empathie. Er stellt bessere Fragen. Und er vermeidet Missverständnisse, bevor sie entstehen.
Kommunikation scheitert deshalb nur selten an den Fakten.
Sie scheitert an den Geschichten, die Menschen aus ihnen machen.
Frage zum Nachdenken
Welche Geschichte hat Ihr Gegenüber einmal erzählt, die sich später als völlig falsch herausstellte? Und woran haben Sie erkannt, dass nicht die Realität das Problem war, sondern ihre Interpretation?
Möchten Sie diese Techniken in der Praxis trainieren? Ein persönliches Coaching oder Seminar macht den Unterschied.