Praxiswissen

4 Minuten Lesezeit

Storytelling funktioniert immer. Wenn …

Von Patric P. Kutscher

Patric P. Kutscher spricht auf einer Kongressbühne

Storytelling, Teil 3

… die Geschichte etwas mit dem Menschen zu tun hat, der sie hört.

Dieser kleine Zusatz entscheidet über erstaunlich viel.

Denn inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Geschichten in Vorträgen, Präsentationen, Führung und Vertrieb wirkungsvoll sein können.

Also werden Geschichten erzählt.

Manchmal zu viele.

Manchmal zu lange.

Und manchmal Geschichten, die vor allem einen Menschen begeistern:

den Erzähler.

Eine Geschichte ist noch keine Wirkung

Eine Geschichte ist nicht gut, weil sie emotional ist.

Nicht, weil sie dramatisch erzählt wird.

Nicht, weil sie lustig ist.

Und schon gar nicht, weil der Vortragende sie selbst großartig findet.

Sie funktioniert dann, wenn beim Zuhörer etwas geschieht.

Wenn er erkennt.

Wenn er versteht.

Wenn er sich erinnert.

Wenn er eine Verbindung zu seinen eigenen Erfahrungen, Erwartungen, Sorgen oder Wünschen herstellt.

Das ist der Unterschied zwischen Erzählen und rhetorischer Wirkung.

Die falsche Frage beim Storytelling

Viele Menschen beginnen mit der Frage:

„Welche Geschichte könnte ich erzählen?“

Das klingt zunächst vernünftig.

Rhetorisch ist eine andere Frage wesentlich interessanter:

„Was soll diese Geschichte im Kopf meines Gegenübers auslösen?“

Das verändert alles.

Denn jetzt suche ich nicht mehr nach einer möglichst spektakulären Geschichte.

Ich suche nach einer Geschichte, die eine kommunikative Aufgabe erfüllt.

Soll mein Gegenüber Vertrauen gewinnen?

Soll eine komplexe Veränderung verständlicher werden?

Soll eine Zahl Bedeutung bekommen?

Soll ein Risiko sichtbar werden?

Soll eine Entscheidung nachvollziehbar werden?

Soll jemand eine Situation aus einer anderen Perspektive betrachten?

Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lässt sich entscheiden, welche Geschichte überhaupt geeignet ist.

Storytelling beginnt beim Zuhörer

Das ist im Grunde ein Grundgesetz guter Rhetorik.

Kommunikation beginnt gedanklich nicht beim Sender.

Sie beginnt beim Empfänger.

Ich kann einen Vortrag brillant finden und trotzdem an meinem Publikum vorbeireden.

Ich kann eine Geschichte bewegend erzählen und trotzdem keinerlei Wirkung erzielen.

Denn entscheidend ist nicht allein, was ich sende.

Entscheidend ist, was beim anderen ankommt und was dort daraus entsteht.

Eine gute Geschichte baut deshalb eine Brücke.

Zwischen meiner Botschaft und der Lebenswirklichkeit meines Gegenübers.

Geschichten brauchen Resonanz

Wenn ein Zuhörer in einer Geschichte etwas wiedererkennt, geschieht etwas Interessantes.

„Das kenne ich.“

„So jemanden habe ich auch erlebt.“

„Genau davor habe ich Sorge.“

„Das ist mir ebenfalls passiert.“

„So habe ich das noch nie betrachtet.“

In diesem Moment entsteht Resonanz.

Und genau dort beginnt die eigentliche Kraft des Storytellings.

Nicht in der Geschichte allein.

Sondern in dem, was die Geschichte im anderen auslöst.

Und bitte: rechtzeitig aufhören

Zu gutem Storytelling gehört noch eine Fähigkeit, über die erstaunlich selten gesprochen wird:

aufhören.

Eine Geschichte braucht nicht jedes Detail.

Wir müssen nicht wissen, welches Wetter an jenem Dienstag herrschte, welche Farbe das Auto hatte und was der Kellner anschließend sagte, wenn all das für den Gedanken vollkommen bedeutungslos ist.

Details sind dann gut, wenn sie Bilder erzeugen.

Sie sind schlecht, wenn sie die Geschichte belasten.

Die beste Geschichte verliert ihre Wirkung, wenn der Zuhörer innerlich bereits angekommen ist und der Erzähler noch fünf Minuten unterwegs ist.

Der vielleicht unterschätzteste Satz des Storytellings lautet deshalb:

Schluss, wenn die Wirkung erreicht ist.

Storytelling ist kein Selbstzweck

Eine Geschichte ist kein Programmpunkt.

Sie ist kein Beweis moderner rhetorischer Kompetenz.

Und sie ist auch kein Ersatz für Substanz.

Sie ist ein Instrument, mit dem wir einem Gedanken eine menschliche Form geben können.

Storytelling funktioniert seit Jahrtausenden.

Nicht, weil Menschen Geschichten grundsätzlich lieber mögen als Fakten.

Sondern weil gute Geschichten etwas leisten können, was reine Information häufig nicht schafft:

Sie lassen uns sehen, was wir vorher nur gehört haben.

Sie lassen uns fühlen, was wir vorher nur wussten.

Und manchmal lassen sie uns verstehen, was eine Erklärung allein nicht verständlich machen konnte.

Das ist keine Modeerscheinung moderner Kommunikation.

Das ist Rhetorik.

Und ziemlich alte noch dazu.

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