Praxiswissen
Warum Storytelling nichts Neues ist
Von Patric P. Kutscher
KI-generiertStorytelling, Teil 1
Storytelling gehört heute zu den großen Begriffen moderner Kommunikation.
Führungskräfte sollen Storyteller sein. Marken sollen Geschichten erzählen. Präsentationen brauchen eine Story. Selbst Zahlen, Strategien und Veränderungsprozesse sollen möglichst „in eine Geschichte verpackt“ werden.
Man könnte den Eindruck gewinnen, Storytelling sei eine Erfindung moderner Kommunikationsberater.
Ist es nicht.
Menschen haben Geschichten erzählt, lange bevor jemand das Wort Kommunikationsstrategie kannte.
Jesus erzählte Gleichnisse. Die Griechen schufen Mythen. Homer erzählte von Odysseus. Märchen wurden über Generationen weitergegeben. Und lange bevor Menschen schreiben konnten, saßen sie zusammen und erzählten einander, was sie erlebt hatten.
Warum Geschichten stärker sind als Informationen
Eine reine Information verlangt unserem Gehirn einiges ab. Wir müssen sie aufnehmen, einordnen, mit vorhandenem Wissen verbinden und möglichst speichern.
Eine Geschichte liefert einen Teil dieser Struktur gleich mit.
Da ist jemand.
Dieser Mensch will etwas.
Etwas geschieht.
Vielleicht entsteht ein Problem.
Vielleicht muss eine Entscheidung getroffen werden.
Vielleicht gibt es eine überraschende Wendung.
Plötzlich verarbeitet unser Gehirn nicht mehr nur Informationen. Es verfolgt ein Geschehen.
Menschen, Situationen, Konflikte, Bilder und Gefühle geben abstrakten Gedanken eine Form.
Deshalb erinnern wir uns selten an die fünfte Folie einer Präsentation.
Aber möglicherweise erinnern wir uns noch Jahre später an den Menschen, von dem auf dieser Folie erzählt wurde.
Gute Redner haben das immer gewusst
Die großen Redner der Geschichte brauchten den Begriff Storytelling nicht.
Sie wussten dennoch um die Kraft der Geschichte.
Wer einen abstrakten Gedanken verständlich machen möchte, kann ihn erklären.
Oder er kann eine Situation schaffen, in der der Zuhörer diesen Gedanken beinahe selbst entdeckt.
Genau das leisten gute Geschichten.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Man könnte lange darüber sprechen, was Nächstenliebe bedeutet. Man kann aber auch von einem verletzten Menschen am Straßenrand erzählen, von Menschen, die vorbeigehen, und von einem, der stehen bleibt.
Plötzlich hat ein abstrakter Begriff Gesichter, eine Situation und eine Entscheidung.
Storytelling ist kein rhetorischer Schmuck
Hier liegt ein wesentlicher Unterschied.
Eine Geschichte sollte nicht erzählt werden, weil man gelernt hat, dass Storytelling „gut ankommt“.
Dann wird sie schnell zum kommunikativen Dekor.
Eine Geschichte hat eine Aufgabe.
Sie kann etwas verständlich machen.
Sie kann einen abstrakten Gedanken sichtbar machen.
Sie kann Nähe herstellen.
Sie kann dafür sorgen, dass ein Gedanke im Gedächtnis bleibt.
Und sie kann Menschen dazu bringen, eine Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Damit wird Storytelling zu einem zutiefst rhetorischen Instrument.
Denn Rhetorik fragt nicht nur:
Was möchte ich sagen?
Sie fragt vor allem:
Was soll beim anderen entstehen?
Storytelling ist deshalb keine neue Methode.
Es ist eine uralte Form menschlicher Kommunikation, die irgendwann einen englischen Namen bekommen hat.
Im zweiten Teil gehen wir noch weiter zurück.
Zu einer Zeit ohne Bücher, ohne Medien, ohne Schrift.
Und zu der Frage:
Warum könnte Storytelling sogar so alt sein wie die Menschheit selbst?
Möchten Sie diese Techniken in der Praxis trainieren? Ein persönliches Coaching oder Seminar macht den Unterschied.