Praxiswissen

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Warum ein guter Coach ein Kutscher ist

Von Patric P. Kutscher

Manchmal steckt in einem Wort eine ganze Philosophie.

Beim Wort „Coach“ ist das beinahe wörtlich der Fall.

Denn lange bevor Coaches Führungskräfte begleiteten, Sportler trainierten oder Menschen bei beruflichen Veränderungen unterstützten, bezeichnete das Wort etwas vollkommen anderes:

eine Kutsche.

Und damit beginnt eine bemerkenswerte sprachliche Reise.

Von Kocs in die Welt

Die Geschichte führt nach Ungarn.

Der Ort Kocs wurde im späten Mittelalter für einen besonders komfortablen Kutschentyp bekannt. Das ungarische Wort „kocsi“ bedeutete sinngemäß „aus Kocs stammend“ beziehungsweise bezeichnete den dort gebauten Wagen.

Der Begriff verbreitete sich über verschiedene europäische Sprachen.

Im Englischen wurde daraus schließlich „coach“.

Ein Coach war also zunächst kein Mensch.

Er war ein Fahrzeug.

Eine Kutsche.

Dann kamen die Studenten

Im 19. Jahrhundert bekam das Wort eine neue Bedeutung.

Im universitären Sprachgebrauch wurde „coach“ zur Bezeichnung für einen Tutor, der einen Studenten intensiv auf eine Prüfung vorbereitete.

Das Bild dahinter ist faszinierend:

So wie eine Kutsche einen Menschen von einem Ort zum anderen bringt, sollte der Tutor seinen Studenten gewissermaßen durch die Prüfung bringen.

Aus dem Transportmittel wurde eine Metapher für Begleitung.

Später wurde der Begriff im Sport übernommen.

Der Coach wurde zum Menschen, der einen anderen dabei unterstützt, seine Leistungsfähigkeit zu entwickeln und ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Von dort war der Weg in die berufliche und persönliche Entwicklung nicht mehr weit.

Heute gibt es Executive Coaches, Business Coaches, Karriere Coaches, Kommunikationscoaches und zahlreiche weitere Formen.

Die Kutsche ist verschwunden.

Das Prinzip dahinter sollte geblieben sein.

Wer bestimmt eigentlich das Ziel?

Genau hier wird die Herkunft des Wortes für mich interessant.

Denn eine Kutsche entscheidet nicht, wohin der Fahrgast reisen möchte.

Das Ziel gehört dem Reisenden.

Übertragen auf Coaching bedeutet das:

Der Coach besitzt nicht das Ziel seines Klienten.

Ein guter Coach sollte deshalb nicht versuchen, einen Menschen nach seinem eigenen Idealbild zu formen.

Er kann Fragen stellen.

Er kann Widersprüche sichtbar machen.

Er kann Wahrnehmung schärfen.

Er kann Rückmeldung geben.

Er kann auf Hindernisse aufmerksam machen.

Er kann Fähigkeiten entwickeln helfen.

Und manchmal kann er auch sehr deutlich widersprechen.

Aber er sollte niemals vergessen, wessen Reise es ist.

Coaching bedeutet nicht, jemanden zu fahren

An dieser Stelle endet allerdings auch die Kutschenmetapher.

Denn Menschen sind keine Passagiere.

Gutes Coaching bedeutet gerade nicht, dass sich jemand bequem zurücklehnt und darauf wartet, ans Ziel gebracht zu werden.

Entwicklung verlangt Eigenleistung.

Der Klient muss denken.

Entscheiden.

Ausprobieren.

Scheitern dürfen.

Korrigieren.

Und schließlich selbst handeln.

Der Coach kann dabei begleiten.

Aber gehen muss der andere selbst.

Vielleicht liegt genau hier auch die Grenze zwischen Beratung und Coaching.

Ein Berater kann sagen:

„Ich empfehle Ihnen diesen Weg.“

Ein Coach fragt häufiger:

„Welcher Weg ist für Sie der richtige und woran werden Sie das erkennen?“

Beides kann sinnvoll sein.

Man sollte nur wissen, welche Rolle man gerade einnimmt.

Gute Coaches machen sich irgendwann überflüssig

Für mich gehört noch ein Gedanke dazu.

Die Qualität eines Coaches zeigt sich nicht daran, wie lange ein Mensch ihn braucht.

Im Gegenteil.

Gutes Coaching sollte Selbstständigkeit vergrößern.

Ein Mensch sollte nach einer guten Begleitung klarer denken, sicherer entscheiden und in vergleichbaren Situationen zunehmend ohne seinen Coach auskommen können.

Das Ziel kann deshalb nicht Abhängigkeit sein.

Das Ziel ist Entwicklung.

Und dann wäre da noch mein Name

Als jemand, der Kutscher heißt und seit vielen Jahren Menschen in ihrer Kommunikation begleitet, kann ich an dieser Sprachgeschichte natürlich nicht ganz emotionslos vorbeigehen.

Ein gewisses Augenzwinkern sei deshalb erlaubt:

Coaching war ursprünglich tatsächlich Kutschersache.

Aber hinter dem Wortspiel steckt für mich ein ernsthafter Gedanke.

Ein guter Coach muss nicht der wichtigste Mensch auf der Reise sein.

Er muss auch nicht im Mittelpunkt stehen.

Seine Aufgabe besteht darin, einem anderen Menschen zu helfen, klarer zu erkennen, wo er steht, wo er hinmöchte und was ihn bisher daran hindert.

Und wenn dieser Mensch irgendwann sagt:

„Ab hier komme ich allein weiter.“

dann hat der Coach möglicherweise ziemlich viel richtig gemacht.

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